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Foto Mag. Patrycja Gamsjäger - Blog

SKIUNFALL UND DIE FRAGE NACH DEM SICHERHEITSABSTAND

SKIUNFALL UND DIE FRAGE NACH DEM SICHERHEITS-ABSTAND

Mag. Patrycja Gamsjäger, LL.M.
Rechtsanwältin in Wien

In einer seiner letzten Entscheidungen aus dem Bereich „Wintersport“ thematisierte der Oberste Gerichtshof abermals die auf den Skipisten vorherrschenden Verhaltensvorschriften und ihre Bedeutung für die Skisportler.

Den rechtlichen Überlegungen lag in der aktuellen Entscheidung 10 Ob21/23w vom 16.5.2023 folgender (hier gekürzter) Sachverhalt zugrunde.

Der Sachverhalt

Der Kläger und der Beklagte gehörten einer Skigruppe an. Unmittelbar vor dem Unfall fuhren beide Streitteile zusammen mit einem weiteren Skifahrer die Abfahrt hinunter, wobei dieser als erster Skigruppenmitglied die Skipiste befuhr, gefolgt vom Kläger und dann dem Beklagten.Der Beklagte startete seine Fahrt unmittelbar nach dem Kläger.In den letzten Augenblicken vor der Kollision (ca. vier Sekunden davor) fuhren die Streitteile nicht mehr hintereinander sondern in etwa auf gleicher Höhe.

Im Prozess behauptete der Kläger, dass der Beklagte ihn ja habe losfahren sehen und er erst nach dem Kläger in der Gruppe fuhr. Der Beklagte sei daher verpflichtet gewesen, den Kläger im Auge zu behalten bzw. einen entsprechenden Abstand zum Kläger einzuhalten, sodass er diesen nicht gefährde.

Der Kläger sei umgekehrt nicht verpflichtet gewesen, nach dem in der Gruppe nach ihm gestarteten Beklagten Ausschau zu halten. Bei einer normalen Aufmerksamkeit, welche dem Skifahrer abverlangt werde (90-Grad-Sichtwinkel) sei dies auch nicht möglich gewesen.

Der Beklagte meinte hingegen, dass ihn keine Verpflichtung zu einer erhöhten Aufmerksamkeit getroffen habe. Eine ständige Beobachtung des Klägers (erhöhte Aufmerksamkeit) könne vom Beklagten nicht verlangt werden.

Im Gegensatz zu zahlreichen (klassischen) Skiunfallsachverhalten, wonach ein Skifahrer der von hinten kommende ist, war der in diesem Fall abfahrende Beklagte einerseits unmittelbar (ca. eine Sekunde) nach dem Kläger losgefahren und andererseits fuhr er vor der Kollision parallel in der Nähe vom Kläger ab.

Foto Mag. Patrycja Gamsjaeger -Skiunfall- Sicherheitsabstand

DARF DER SKIFAHRER EINE SEKUNDE NACH DEM LOSFAHREN DES ANDEREN SKIFAHRERS MIT DER ABFAHRT BEGINNEN?

Die Entscheidung

Der Oberste Gerichtshof sprach nun klar aus, dass ein Skifahrer auch eine Sekunde nach dem Losfahren des anderen Skifahrers fahren könne. Darüber hinaus sei es nicht verboten parallel zum anderen Skifahrer auf der Piste zu fahren.Vielmehr geht es stets darum, einen derart ausreichenden (Seiten-)Abstand einzuhalten, dass dem anderen Skifahrer für seine Bewegungen genug Raum verbleibt.

Es gibt keine klare Regel, die den „sicheren Abstand“ vorgibt. Auch sei nach der rechtlichen Beurteilung des OGH der Beklagte zu keiner erhöhten Aufmerksamkeit gewesen, nur weil der Kläger zuerst (vor ihm) losgefahren sei.

VERHALTENSVORSCHRIFTEN AUF DEN PISTEN

Die den Wintersportlern (hoffentlich) wohl bekannten FIS-Regeln und POE-Bestimmungen sind zwar keine gültigen Rechtsvorschriften (vor allem auch kein Gewohnheitsrecht). Sie sind dennoch als wichtige Sorgfaltsvorschriften von jedem Skifahrer und Snowboarder zu beachten.

Grundsätzlich gilt selbstverständlich auch in Ausübung des alpinen Skisports der Grundsatz, dass sich jeder Skipistenteilnehmer so verhalten hat, dass er den anderen nicht gefährdet. Nach der bisherigen Rechtsprechung gilt für die Parallelfahrten, dass sie ohne ausreichenden Seitenabstand wegen der verkürzten Reaktionsmöglichkeit als Gefahrensituationen einzustufen sind.

WANN IST DER SEITENABSTAND AUF DER SKIPISTE ZWISCHEN DEN SKIFAHRERN AUSREICHEND?

Diese Frage hängt im Einzelfall von verschiedenen Faktoren ab: von der Breite der Piste, Schneebeschaffenheit, Fahrkönnen der Pistenteilnehmer, Steilheit, Präparierungszustand der Piste, Geschwindigkeit, Sicht, Verkehrsaufkommen auf der Piste, etc. Alle diese Faktoren sind stets individuell / im Einzelfall zu beurteilen.

So etwa wurde ein Abstand von drei bis vier Metern bei einer „flotten“ Geschwindigkeit und zum Teil vereister Piste als nicht ausreichend beurteilt (OGH 6 Ob 220/00x).

KEIN SORGFALTSVERSTOSS – KEINE HAFTUNG

Im konkreten Fall betrug der Abstand des Beklagten zum Kläger (mehr als) sechs bis sieben Meter und wurde folglich größer. In weiterer Folge fuhr der Beklagte neben dem Kläger in einem Abstand, der – nach den konkret getroffenen Feststellungen /Einzelfallbeurteilung- eine Gefahrensituation nicht erkennen ließ. Deswegen sei laut OGH der Beklagte auch nicht verpflichtet gewesen, den Kläger mit erhöhter Aufmerksamkeit durch das seitliche Drehen des Kopfes zum Kläger zu beobachten.

Auch in einer Gruppe seien die Gruppenmitglieder überdies nicht verpflichtet, verstärkt aufeinander zu schauen, es sei denn, dass besondere Gründe (wie zum Beispiel die Verpflichtung des Skilehrers seine Skischüler zu beobachten) vorliegen würden.

Laut OGH durfte vielmehr der Beklagte darauf vertrauen, dass der Kläger seine Fahrweise so wählen würde, dass ein ausreichender Seitenabstand weiterhin gewährleistet sei.Ein Verstoß gegen Sorgfaltspflichten und damit eine Haftung des Beklagten wurde verneint.